„Gora, Dokumentation einer Ausbildungsklasse bei Frieda Goralewski“.
Eve Rizk, Hrsg. Hega Braun, Sibylle Köhler, 2011, Borsdorf, edition winterwork

Diese Dokumentation ist vor allem für in der Goraarbeit Ausgebildete gedacht.
Das Buch umfasst auf etwas mehr als 600 Seiten 66 ausgewählte transkribierte Tonbandaufzeichnungnen aus den Stunden einer Ausbildungsklasse.

Wer Frieda Goralewski gekannt und erlebt hat, wird sie wiederfinden in ihrer Lebendigkeit, ihrer Zugewandtheit und ihrer ganz eigenen Art zu unterrichten.
Zu beziehen über die Goralewski-Gesellschaft.

Schriftenreihe der Goralewski-Gesellschaft. Heft 1.
Thomas Niering: Eine vergleichende Darstellung der Vorträge Elsa Gindlers von 1926 und 1931.
Zu beziehen über die Goralewski-Gesellschaft.

Viele sind in ihre Stunden gekommen. Viele haben von ihr und ihrer Arbeit gehört, andere werden ihr nie begegnet sein. Und doch kennen wir sie alle, denn sie glich dem Menschen, den wir uns erfinden für Zeiten, in denen das Leben schwerer würde und die Kräfte schwächer.

In diesem Jahr hat sie ihre Arbeit und uns verlassen: Sie hat unser Bild vom lebendigen Menschen, dem sie immer ähnlich war, vollendet.

Goras Geschichte? Nur sprödeste Daten sind mir bekannt: Geboren in Hildesheim, erlebte sie ihre Jugend in Danzig, kam zur Lehrerausbildung und Lehrtätigkeit nach Berlin. Hier lernte sie Elsa Gindler kennen, deren therapeutische Körperarbeit sie beeindruckte, deren Schülerin sie wurde, deren Arbeit fortzuführen, zu durchdringen und weiterzuentwickeln ihr wichtig wurde. Wichtig genug für wachsende Intensität und für ein ganzes Leben.

Später, in den ununterscheidbar grauen, maltraitierten Straßenzügen Berlins, Pariser-, Nachod-, Nassauische Straße, zog immer eine Straße, eine Wohnung, ein Raum Menschen an; täglich, stündlich, vom Morgen bis in den späten Abend. Dort saß Gora auf ihrer kleinen Bank; im großen Zimmer mit dem roten Teppich. Dort gab sie ihre Stunden.

Schon damals kamen viele, so daß wenig Platz war auf dem roten Teppich: Goras Ruf hatte sich über Berlin und Deutschland hinaus verbreitet, obwohl sie niemals an die Öffentlichkeit trat. Sie war Autorität, weil sie der Autor ihrer Sache war.

Frieda Goralewski war Pädagogin und Therapeutin von Rang. Sie lehrte kein Fach, noch weniger eine Methode. Sie zeigte Wege: Sie lehrte das Gleichgewicht suchen, das mentale, das physische, das psychische.

Sie erinnerte die Vergeßlichen an die natürlichen Ordnungen der Bewegung. Sie bahnte Wege in vernachlässigte Regionen, Wege, die in anderen Kulturen breit und wohlbegangen, bei uns aber überwachsen sind von den Wichtigkeiten aufdringlicher Tagesläufe: Unsere Aufmerksamkeit für den eigenen Körper zu wecken, der ihr als Ausgangspunkt aller Lebensäußerungen bis hin zu Kunst, Wissenschaft und Philosophie kostbar genug erschien, um ihm – wenn wir ihn schon nicht unbefangen leben lassen können – wenigstens das Maß an Bewußtsein zukommen zu lassen, das wir an ihn kaum, an andere Dinge allzu beflissen heften, – das war ihr Anliegen.

Sie hatte lange und genau beobachtet, wie sehr der Körper als bloßes Werkzeug verstanden wird – als selbstverständlich Verfügbares, Benutzbares, keiner Reflexion bedürftig – der bestenfalls Pflege im Sinne der äußeren, gesellschaftlichen Erscheinung erfährt, oder abgenutzt und krank endlich die Hilfe der Medizin.

Sie beobachtete schon bei Schulkindern, häufiger bei Erwachsenen, wie oft der Versuch zur Konzentration in Verkrampfungen endete, – ja beides miteinander verwechselt wurde; wie oft gewohnheitsmäßige Fehlhaltungen des Körpers die Psyche, den Intellekt beeinträchtigten. Sie sah, wie einfachste und leichteste Hantierungen, weil sie hastig, ängstlich oder demonstrativ ausgeführt wurden, die Menschen erschöpften, da sie gewöhnt waren, alle diese Bewegungen mit unnötiger Anspannung zu begleiten. Sie sah auch, daß in dem „Ausruhen“ der Menschen keine Ruhe war.

Die Medizin, die wir zu einem der großartigsten Reparaturbetriebe immer spezifischer, aber auch schmaler aufgebaut haben, kann nur das bereits manifeste Übel bekämpfen, und zwar von außen. Der so „geheilte“ Mensch bleibt jedoch derselbe, seine Gewohnheiten fortsetzend, sich selbst, seinem Körper ein Fremder.

Gora übernahm, ein Leben lang, die schwierige und langwierige Aufgabe, in den kleinen Schritten und Hilfen ihrer Bewegungs- und Atemtherapie mit Erwachsenen zu arbeiten, sie nach Verlorenem suchen zu machen.

Wie aber könnte dieses Suchen je ernst genommen werden, wenn wir unsere Möglichkeiten zur Bewußtheit vor unserem Körper halt machen lassen? Wenn wir ihm die Bildung (ich spreche nicht von Ausbildung!) versagen, die Wissen, Intellekt, vielleicht gar Geist, in Europa selbstverständlich zugestanden wird.

Goras Ziel korrespondierte mit ihrer großartigen Begabung zur Übersetzung: Bewußtheit für den eigenen Körper zu entwickeln, so ahnte sie, konnte nur von diesem selbst ausgehen, konnte nur als gespürte, gefühlte Unterscheidung von Befindlichkeiten dauerhaft befestigt werden.

Sie war eine anspruchsvolle Lehrerin. Wir waren ja schließlich zum Arbeiten da. Sie konnte sogar ungehalten sein, wenn sie bloße Konsumhaltungen oder gar Anpassung witterte. „Wir machen hier keine ,Übungen’, Übungen nutzen gar nichts!“ verblüffte sie gelegentlich ihre Schüler. Wenn sie krampfhafte Bemühungen um „schöne Gesten“ oder „stilisierte Bewegungen“ sah, murmelte sie wohl: „Ihr haltet ja schon wieder alles fest! Welcher Mensch muß denn die Schultern und den Kopf festhalten, bloß um zu gehen! Die kommen doch von alleine mit! Außer der Kraft fürs Gehen verbrauchen wir überflüssigerweise auch noch Kraft fürs Festhalten – kein Wunder, wenn man da müde wird!“

Und gelegentlich: „Wenn wir den Körper nicht dauernd stören und an ihm herumdirigieren, kann er fast alles von selbst, weil er keineswegs dümmer ist als wir. Um Schönheit müssen wir uns nicht bemühen, der Körper wird von alleine schön, wenn er endlich frei atmen kann. Ja! Nicht aufhören zu atmen, nur weil ihr euch anstrengt! Man macht wirklich furchtbare Dummheiten!“

So lernten wir uns bewegen: gehen, stehen, liegen, als hätten wir es nie vorher gekonnt. Sie forderte unsere gesammelte Aufmerksamkeit für die Zusammenhänge von Atem, Stimme, Muskelspannungen, für die räumliche Lage der Organe, des Skeletts: Eine Lehre in Anatomie und Physiologie über die langsam genauer werdende Empfindung.

Gora ließ uns Säuglinge und Kleinkinder beim „Turnen“ beobachten. Es waren gewissermaßen alles „ihre“ Kinder, denn sie betreute sie schon im Werden samt ihren Müttern. Am Anfang des Bewußtseins, kommen ihre Bewegungen aus dem Zentrum der ganzen Person, aus der Mitte des kleinen Körpers.

Der Körper aber, physikalisch (aber auch in jedem anderen Sinne) zwischen Himmel und Erde, oben und unten eingeordnet, ist unbewußter Nutzer dieser Konstellation von Kräften, wenn er es nur zuläßt, daß sie ihn tragen (Erde) und aufrichten (Atem).

Kleine Kinder vergeuden ihre Kräfte nie. Sie reichen immer aus, für alles Wichtige. Ihr Spiel im Rhythmus von Spannung und Ausruhen verteilt sich mühelos über den ganzen Tag.

Jeder Erwachsene wäre nach kürzester Zeit völlig erschöpft, wenn er versuchte, sich genau so wie ein Kleinkind zu bewegen. Und wie oft, wenn er sich auszuruhen meint, bleibt er bis in den Schlaf hinein verkrampft, um müde und zerschlagen den nächsten Tag zu beginnen.

Ist es zuviel gesagt, wenn ich berichte, daß wir oft zerschlissen vom Tag in Goras Stunden kamen, um gesammelt und völlig wach nach Hause zu gehen?

Ist es zuviel gesagt, wenn Ärzte, die schon an die Operation bestimmter Wirbel dachten, von deutlichen Besserungen, die sogar im Röntgenbild erkennbar waren, überrascht nach der Adresse des Therapeuten fragten?

„Lassen wir unseren Organen den Platz, den sie zum Leben brauchen, – sie können nur gut arbeiten, wenn wir sie nicht dauernd zusammendrücken. Ich weiß, es gibt dafür tausend wichtige Gründe; aber wir dürfen es einfach nicht tun. Wir können es auch gar nicht verantworten.“

Warum so viele Menschen so lange Jahre in Goras Stunden kamen?

Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Weg wiederzufinden; wieder zu lernen, was seit Jahrhunderten nicht Teil des commen sense, nicht Teil der allgemeinen Kultur war. Ganz verloren ging dieses Wissen zwar nie: Etwas davon haben begabte Tänzer gewußt, einiges davon sensible Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Künstler.

Selbstverständlich gibt es viele Methoden, die von außen auf uns wirken wollen – in der Medizin und der medizinischen Rehabilitation.

Bei Gora aber waren wir auf unsere eigene Verantwortung verwiesen. Ausgangspunkt und Ziel unserer Bemühungen waren wir selbst: „Ihr müßt wissen, es nutzt nichts, wenn der Lehrer es weiß!“

Als ich Gora kennenlernte, sie war 78 Jahre alt, erschien sie mir zerbrechlich und nicht ganz gesund. Sie konnte mit ihrem Körper leben, und sie hat ihn in Übereinstimmung mit dem, was sie tun wollte, zu ungewöhnlicher Ruhe, Ausdauer und Leistungsfähigkeit erzogen. Stetig und gleichmäßig, nie erlahmend, vom Morgen bis in den späten Abend; von weitgespanntem Interesse an den Menschen in ihren vielfältigen Erscheinungen und Hervorbringungen getragen, liebte und förderte sie das Lebendige an ihnen, freute sie sich auf die Stunden.

In diesem Sinne hat sie mit Generationen von Schülern gearbeitet. Die Kraft dazu verließ sie nie. Die letzten Stunden gab sie in den letzten Tagen vor ihrem Tod. So blieb sie bis ins hohe Alter der Inbegriff des lebendigen Menschen; mehr noch, in ihrer persönlichen Nähe, oft auch ganz wörtlich unter ihren Händen, die soviel wußten wie sie, fiel das Schroffe, das Besserwisserische, die Ängstlichkeit des Tages in sich zusammen, wurden die Menschen als Ganzes wieder lebendig, nicht nur Muskeln und Sehnen.

Gora hinterließ keine „Gemeinde“, sondern Einzelne, von denen Wirkungen ausgehen werden. Sie hat nichts aufgeschrieben, denn die Zeit dafür hätte sie ihren Schülern entziehen müssen. Aber sie hinterließ Schüler, die in Jahrzehnten intensiven Studiums neben ihr fähig wurden, diese Arbeit aus eigener Kraft und Überzeugung fortzuführen.
Gora hat Dank immer abgelehnt.

„Ihr sollt mir nicht danken, – ihr sollt arbeiten.“

Januar 1989

Dieser Text wurde anlässlich des Todes von Frieda Goralewski geschrieben. Die Verfasserin hatte unseres Wissens ausschließlich bei Frieda Goralewski und Michel Benjamin Unterricht.

Aus dem Buch „Auf dem roten Teppich“, Erinnerungen an Frieda Goralewski, S.32 ff
ISBN 3-937154-01-9
Bestelladresse: Goralewski Gesellschaft c/o Sibylle Köhler, Livländische Str. 22, 10715 Berlin.