| Viele
sind in ihre Stunden gekommen. Viele haben von ihr und ihrer Arbeit
gehört, andere werden ihr nie begegnet sein. Und doch kennen
wir sie alle, denn sie glich dem Menschen, den wir uns erfinden
für Zeiten, in denen das Leben schwerer würde und die
Kräfte schwächer.
In diesem Jahr hat sie ihre Arbeit und uns verlassen: Sie hat
unser Bild vom lebendigen Menschen, dem sie immer ähnlich
war, vollendet.
Goras Geschichte? Nur sprödeste Daten sind mir bekannt: Geboren
in Hildesheim, erlebte sie ihre Jugend in Danzig, kam zur Lehrerausbildung
und Lehrtätigkeit nach Berlin. Hier lernte sie Elsa Gindler
kennen, deren therapeutische Körperarbeit sie beeindruckte,
deren Schülerin sie wurde, deren Arbeit fortzuführen,
zu durchdringen und weiterzuentwickeln ihr wichtig wurde. Wichtig
genug für wachsende Intensität und für ein ganzes
Leben.
Später, in den ununterscheidbar grauen, maltraitierten Straßenzügen
Berlins, Pariser-, Nachod-, Nassauische Straße, zog immer
eine Straße, eine Wohnung, ein Raum Menschen an; täglich,
stündlich, vom Morgen bis in den späten Abend. Dort
saß Gora auf ihrer kleinen Bank; im großen Zimmer
mit dem roten Teppich. Dort gab sie ihre Stunden.
Schon damals kamen viele, so daß wenig Platz war auf dem
roten Teppich: Goras Ruf hatte sich über Berlin und Deutschland
hinaus verbreitet, obwohl sie niemals an die Öffentlichkeit
trat. Sie war Autorität, weil sie der Autor ihrer Sache war.
Frieda Goralewski war Pädagogin und Therapeutin von Rang.
Sie lehrte kein Fach, noch weniger eine Methode. Sie zeigte Wege:
Sie lehrte das Gleichgewicht suchen, das mentale, das physische,
das psychische.
Sie erinnerte die Vergeßlichen an die natürlichen Ordnungen
der Bewegung. Sie bahnte Wege in vernachlässigte Regionen,
Wege, die in anderen Kulturen breit und wohlbegangen, bei uns
aber überwachsen sind von den Wichtigkeiten aufdringlicher
Tagesläufe: Unsere Aufmerksamkeit für den eigenen Körper
zu wecken, der ihr als Ausgangspunkt aller Lebensäußerungen
bis hin zu Kunst, Wissenschaft und Philosophie kostbar genug erschien,
um ihm – wenn wir ihn schon nicht unbefangen leben lassen
können – wenigstens das Maß an Bewußtsein
zukommen zu lassen, das wir an ihn kaum, an andere Dinge allzu
beflissen heften, – das war ihr Anliegen.
Sie hatte lange und genau beobachtet, wie sehr der Körper
als bloßes Werkzeug verstanden wird – als selbstverständlich
Verfügbares, Benutzbares, keiner Reflexion bedürftig
– der bestenfalls Pflege im Sinne der äußeren,
gesellschaftlichen Erscheinung erfährt, oder abgenutzt und
krank endlich die Hilfe der Medizin.
Sie beobachtete schon bei Schulkindern, häufiger bei Erwachsenen,
wie oft der Versuch zur Konzentration in Verkrampfungen endete,
– ja beides miteinander verwechselt wurde; wie oft gewohnheitsmäßige
Fehlhaltungen des Körpers die Psyche, den Intellekt beeinträchtigten.
Sie sah, wie einfachste und leichteste Hantierungen, weil sie
hastig, ängstlich oder demonstrativ ausgeführt wurden,
die Menschen erschöpften, da sie gewöhnt waren, alle
diese Bewegungen mit unnötiger Anspannung zu begleiten. Sie
sah auch, daß in dem „Ausruhen“ der Menschen
keine Ruhe war.
Die Medizin, die wir zu einem der großartigsten Reparaturbetriebe
immer spezifischer, aber auch schmaler aufgebaut haben, kann nur
das bereits manifeste Übel bekämpfen, und zwar von außen.
Der so „geheilte“ Mensch bleibt jedoch derselbe, seine
Gewohnheiten fortsetzend, sich selbst, seinem Körper ein
Fremder.
Gora übernahm, ein Leben lang, die schwierige und langwierige
Aufgabe, in den kleinen Schritten und Hilfen ihrer Bewegungs-
und Atemtherapie mit Erwachsenen zu arbeiten, sie nach Verlorenem
suchen zu machen.
Wie aber könnte dieses Suchen je ernst genommen werden, wenn
wir unsere Möglichkeiten zur Bewußtheit vor unserem
Körper halt machen lassen? Wenn wir ihm die Bildung (ich
spreche nicht von Ausbildung!) versagen, die Wissen, Intellekt,
vielleicht gar Geist, in Europa selbstverständlich zugestanden
wird.
Goras Ziel korrespondierte mit ihrer großartigen Begabung
zur Übersetzung: Bewußtheit für den eigenen Körper
zu entwickeln, so ahnte sie, konnte nur von diesem selbst ausgehen,
konnte nur als gespürte, gefühlte Unterscheidung von
Befindlichkeiten dauerhaft befestigt werden.
Sie war eine anspruchsvolle Lehrerin. Wir waren ja schließlich
zum Arbeiten da. Sie konnte sogar ungehalten sein, wenn sie bloße
Konsumhaltungen oder gar Anpassung witterte. „Wir machen
hier keine ,Übungen’, Übungen nutzen gar nichts!“
verblüffte sie gelegentlich ihre Schüler. Wenn sie krampfhafte
Bemühungen um „schöne Gesten“ oder „stilisierte
Bewegungen“ sah, murmelte sie wohl: „Ihr haltet ja
schon wieder alles fest! Welcher Mensch muß denn die Schultern
und den Kopf festhalten, bloß um zu gehen! Die kommen doch
von alleine mit! Außer der Kraft fürs Gehen verbrauchen
wir überflüssigerweise auch noch Kraft fürs Festhalten
– kein Wunder, wenn man da müde wird!“
Und gelegentlich: „Wenn wir den Körper nicht dauernd
stören und an ihm herumdirigieren, kann er fast alles von
selbst, weil er keineswegs dümmer ist als wir. Um Schönheit
müssen wir uns nicht bemühen, der Körper wird von
alleine schön, wenn er endlich frei atmen kann. Ja! Nicht
aufhören zu atmen, nur weil ihr euch anstrengt! Man macht
wirklich furchtbare Dummheiten!“
So lernten wir uns bewegen: gehen, stehen, liegen, als hätten
wir es nie vorher gekonnt. Sie forderte unsere gesammelte Aufmerksamkeit
für die Zusammenhänge von Atem, Stimme, Muskelspannungen,
für die räumliche Lage der Organe, des Skeletts: Eine
Lehre in Anatomie und Physiologie über die langsam genauer
werdende Empfindung.
Gora ließ uns Säuglinge und Kleinkinder beim „Turnen“
beobachten. Es waren gewissermaßen alles „ihre“
Kinder, denn sie betreute sie schon im Werden samt ihren Müttern.
Am Anfang des Bewußtseins, kommen ihre Bewegungen aus dem
Zentrum der ganzen Person, aus der Mitte des kleinen Körpers.
Der Körper aber, physikalisch (aber auch in jedem anderen
Sinne) zwischen Himmel und Erde, oben und unten eingeordnet, ist
unbewußter Nutzer dieser Konstellation von Kräften,
wenn er es nur zuläßt, daß sie ihn tragen (Erde)
und aufrichten (Atem).
Kleine Kinder vergeuden ihre Kräfte nie. Sie reichen immer
aus, für alles Wichtige. Ihr Spiel im Rhythmus von Spannung
und Ausruhen verteilt sich mühelos über den ganzen Tag.
Jeder Erwachsene wäre nach kürzester Zeit völlig
erschöpft, wenn er versuchte, sich genau so wie ein Kleinkind
zu bewegen. Und wie oft, wenn er sich auszuruhen meint, bleibt
er bis in den Schlaf hinein verkrampft, um müde und zerschlagen
den nächsten Tag zu beginnen.
Ist es zuviel gesagt, wenn ich berichte, daß wir oft zerschlissen
vom Tag in Goras Stunden kamen, um gesammelt und völlig wach
nach Hause zu gehen?
Ist es zuviel gesagt, wenn Ärzte, die schon an die Operation
bestimmter Wirbel dachten, von deutlichen Besserungen, die sogar
im Röntgenbild erkennbar waren, überrascht nach der
Adresse des Therapeuten fragten?
„Lassen wir unseren Organen den Platz, den sie zum Leben
brauchen, – sie können nur gut arbeiten, wenn wir sie
nicht dauernd zusammendrücken. Ich weiß, es gibt dafür
tausend wichtige Gründe; aber wir dürfen es einfach
nicht tun. Wir können es auch gar nicht verantworten.“
Warum so viele Menschen so lange Jahre in Goras Stunden kamen?
Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Weg wiederzufinden; wieder
zu lernen, was seit Jahrhunderten nicht Teil des commen sense,
nicht Teil der allgemeinen Kultur war. Ganz verloren ging dieses
Wissen zwar nie: Etwas davon haben begabte Tänzer gewußt,
einiges davon sensible Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Künstler.
Selbstverständlich gibt es viele Methoden, die von außen
auf uns wirken wollen – in der Medizin und der medizinischen
Rehabilitation.
Bei Gora aber waren wir auf unsere eigene Verantwortung verwiesen.
Ausgangspunkt und Ziel unserer Bemühungen waren wir selbst:
„Ihr müßt wissen, es nutzt nichts, wenn der Lehrer
es weiß!“
Als ich Gora kennenlernte, sie war 78 Jahre alt, erschien sie
mir zerbrechlich und nicht ganz gesund. Sie konnte mit ihrem Körper
leben, und sie hat ihn in Übereinstimmung mit dem, was sie
tun wollte, zu ungewöhnlicher Ruhe, Ausdauer und Leistungsfähigkeit
erzogen. Stetig und gleichmäßig, nie erlahmend, vom
Morgen bis in den späten Abend; von weitgespanntem Interesse
an den Menschen in ihren vielfältigen Erscheinungen und Hervorbringungen
getragen, liebte und förderte sie das Lebendige an ihnen,
freute sie sich auf die Stunden.
In diesem Sinne hat sie mit Generationen von Schülern gearbeitet.
Die Kraft dazu verließ sie nie. Die letzten Stunden gab
sie in den letzten Tagen vor ihrem Tod. So blieb sie bis ins hohe
Alter der Inbegriff des lebendigen Menschen; mehr noch, in ihrer
persönlichen Nähe, oft auch ganz wörtlich unter
ihren Händen, die soviel wußten wie sie, fiel das Schroffe,
das Besserwisserische, die Ängstlichkeit des Tages in sich
zusammen, wurden die Menschen als Ganzes wieder lebendig, nicht
nur Muskeln und Sehnen.
Gora hinterließ keine „Gemeinde“, sondern Einzelne,
von denen Wirkungen ausgehen werden. Sie hat nichts aufgeschrieben,
denn die Zeit dafür hätte sie ihren Schülern entziehen
müssen. Aber sie hinterließ Schüler, die in Jahrzehnten
intensiven Studiums neben ihr fähig wurden, diese Arbeit
aus eigener Kraft und Überzeugung fortzuführen.
Gora hat Dank immer abgelehnt.
„Ihr sollt mir nicht danken, – ihr sollt arbeiten.“
Januar 1989
Dieser
Text wurde anlässlich des Todes von Frieda Goralewski geschrieben.
Die Verfasserin hatte unseres Wissens ausschließlich bei
Frieda Goralewski und Michel Benjamin Unterricht.
Aus
dem Buch „Auf dem roten Teppich“, Erinnerungen an
Frieda Goralewski, S.32 ff
ISBN 3-937154-01-9
Bestelladresse: Gabriele M. Franzen, Uhlandstr. 194 A, 10623 Berlin
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